Leseproben "Spielend das Leben gewinnen"

Folgende Lesenproben sind aus meinem Buch "Spielend das Leben gewinnen – Was Menschen stark macht".

Viel Spaß beim Lesen.

Ein Lenkdrachen erhebt mein Herz

Das Wochenende versprach sonnig und stürmisch zu werden. Sonnig war es bereits. Stürmisch würde es werden, wenn meine Lieblingsholländerin ankommen würde. Der Herbst hatte in Bonn Einzug gehalten. Noch ahnte ich nicht, dass mir durch dieses Wochenende klar werden sollte, warum vieles in meinem Leben richtig gut läuft.

Der Freitagnachmittag war ruhig. Wir waren beide nach einer anstrengenden Woche müde. Das Abendessen duftete köstlich und ich machte zwei Flaschen Wein auf. Es waren immer zwei Flaschen, die ich öffnen musste. Für mich einen trockenen Roten, für Karina einen süßklebrigen Weißen. Wenigstens verband uns die gemeinsame Fremdsprache Englisch. Das wurde im Verlauf des Abends immer flüssiger. Müde und zufrieden schliefen wir ein.

Ein Geräusch weckte mich. Karina machte die Jalousien ein Stück hoch, schaute raus und sah mich mit einem breiten Grinsen an: „Weißt du, was wir heute machen könnten? Heute gehen wir kyten!“ „Joooh, das ist eine schöne Idee“, gab ich von mir, ohne zu wissen, was kyten überhaupt ist. „Karina, was genau meinst du mit kyten?“ „Na, wir lassen einen Dragon fliegen, oder wie sagt man?“ Langsam dämmerte es mir: „Du willst einen Drachen steigen lassen? Woher bitteschön soll ich einen Drachen nehmen?“ Wieder grinste Karina: „Wir nehmen meinen, der liegt im Kofferraum in meinem Auto. „Du wirst sehen, kyten macht viel Spaß und heute ist es so schön windig. Da kann man tolle Figuren fliegen.“

Immer klarer wurde mir, wovon Karina so begeistert war. „Jetzt versteh ich, du besitzt einen Lenkdrachen. So ein Ding mit zwei Schnüren. Eine Schnur in die linke Hand, eine in die rechte und dann lenken.“ Ich dachte nach: „Karina, sei mir nicht böse, aber ich sehe da ein klitzekleines Problem auf mich zukommen. Wie bitteschön soll ich die Schnüre festhalten? Also, ich komme gerne mit und schaue dir zu, kein Problem für mich, wirklich.“ „Vertrau mir“, unterbrach sie mich liebevoll, „ich habe ein paar Ideen, wie es klappen könnte.“

Eine halbe Stunde später befanden wir uns auf den Bonner Rheinauen und Karina hatte ihren bunten Kyte aufgebaut. Sie machte vor, wie es funktioniert. Mit atemberaubender Geschwindigkeit ließ sie den Kyte am Himmel tanzen. Nach ein paar Minuten brachte sie ihn sanft zur Erde zurück. Dann zog sie einen Stab aus ihrem Rucksack, befestigte beide Seile daran, gab ihn mir und sagte: „Probier mal aus, ob du den halten kannst.“ Ich klemmte mir den Stab vor die Brust und hatte ihn fest im Griff. Karina lief zum Kyte, hob ihn ein wenig an, bis eine Windböe ihn erfasste und er rasch nach oben stieg. „Mach erst mal gar nichts“, rief sie mir zu. „Versuche ihn oben in der Mitte zu halten.“

Der Kyte zerrte an mir, aber ich stand da wie ein Fels in der Brandung. Meinen Blick hielt ich starr auf den Drachen gerichtet. Dann stand Karina neben mir: „Zieh ganz wenig an einem Seil, keine schnellen Bewegungen, vorsichtig, und lass ihn von links nach rechts fliegen.“ Es klappte, der Kyte gehorchte mir. Mein ehemals skeptisches Gesicht erhellte sich und ein wohliges Gefühl stieg in mir auf.

„Wahnsinn, das ist toll“ schrie ich, obwohl Karina direkt neben mir stand. „Eh, du bist geschickt“ lobte sie mich. „Gar nicht übel für einen Anfänger. Nun zieh mal ruckartig an einem Seil und bring es dann sofort wieder in die alte Position.“ Zuerst gehorchte ich Karina, dann der Kyte mir. Er drehte sich einmal um die eigene Achse, um sogleich wieder stabil am Himmel zu stehen. „Yes“, rief ich „ich hab ihn im Griff.“

Es war Karina, die mich auf die Passanten aufmerksam machte. In sicherer Entfernung standen inzwischen bestimmt zehn bis fünfzehn Menschen, die dem Mann mit den kurzen Armen zusahen, wie er Kunststücke mit einem Lenkdrachen vollführte. Ich tat natürlich so, als ob ich sie gar nicht bemerkt hätte. Aber in mir spürte ich einen Antrieb, es nun besonders gut zu machen. „Wenn die schon stehen bleiben, dann will ich ihnen auch was bieten.“

Leistungsdruck macht schwach

„Leistungsdruck und Erfolgszwang verhindern Höchstleistungen“, habe ich am Ende von Teil 1 gesagt. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie mir in diesem Punkt zustimmen. Allzu oft höre ich Sätze wie: „Wenn du nicht, dann ...“ oder „Hier wird gearbeitet, nicht gelacht.“ Immer noch glauben viele Menschen, Druck und Angst seien die besten Wege, um einen Menschen zu motivieren. Wer meint, er müsse einen Menschen antreiben, der traut dem äußeren Antrieb mehr zu als dem inneren. Es mag durchaus sein, dass man mit Befehlen und Androhung von Strafen bzw. mit dem Versprechen von Belohnungen einen Menschen dazu bringen kann, etwas zu tun. Man wird ihn aber nie dazu bringen, sein Bestes zu geben. Sie können zwar Menschen zu Leistungen antreiben, aber nicht zu Höchstleistungen. Von „spielend gewinnen“ und „Menschen stark machen“, bleibt nicht viel übrig, wenn die Angst regiert. Zur Illustration dieser Tatsache hier eine kleine Anekdote über Leistungsdruck und Erfolgszwang.

Es war ein ganz normales Meisterschaftsspiel, was ich mit der zweiten Mannschaft des TV Dellbrück zu bestreiten hatte. Als Gastmannschaft und Tabellenfünfter empfingen wir eine Mannschaft aus dem unteren Drittel der Tabelle. In deren Reihen befand sich ein, um es vorsichtig auszudrücken, recht betagter Spieler. Schnell kam die Frage auf, wer denn nachher gegen Methusalem spielen müsse. Aus der Frage wurde eine Bitte, den alten Herrn nicht so durch die Box zu schicken, damit nicht ausgerechnet in unserer Halle sein letztes Stündchen schlagen würde. Es traf Jens, einen jungen Spieler, der seine erste Saison in der Herrenliga spielte, sich aber bislang mehr als beachtlich geschlagen hatte. Der Spieler, der Jens in diesem Spiel als Trainer begleiten würde, gab ihm ein fröhliches „Jetzt nimm den mal schön auseinander“ mit auf seinen Weg in die Box. Alt war sein Gegner ja, und besonders gut war er auch nicht. Aber auf seiner Rückhand spielte er lange Noppen. Die verursachen ein Trudeln des Balles, was es dem Gegner schwer macht, anzugreifen. Und tatsächlich, ein uns andere Mal verschlug Jens vermeintlich hohe Bälle. Den ersten Satz verlor er knapp. „Hey, jetzt spiel mal richtig“, bekam er als Tipp. Jens spielte härter, aber nicht erfolgreicher. Immer wieder machten ihm die Noppen das Leben schwer. Sein Gegner, der das längst mitbekommen hatte, tat alles, um den jungen Wilden aus dem Rhythmus zu bringen. Gegen Ende des zweiten Satzes war Jens verzweifelt. Er lag mehrere Punkte zurück und murmelte immer wieder: „Gegen den darf ich nicht verlieren!“ Auch der dritte Satz begann wenig erbaulich für Jens. 4:1 lag er hinten. 

Inzwischen war er etwas blass um die Nase und stand wie einbetoniert am Tisch. Ich fragte seinen Betreuer, ob ich mich einmischen dürfe. „Wenn dir was einfällt, nur zu!“ Ich nahm eine Auszeit und hielt eine Rede: „Jens, das Spiel kannst du nicht mehr gewinnen. Der alte Fuchs ist einfach zu abgebrüht. Aber mach dir nichts draus, wir werden auch ohne deinen Punkt siegen. Ich hätte da allerdings noch eine kleine Aufgabe für dich. Du hast noch 7 Punkte Zeit, bis er gewonnen hat. Ich möchte, dass du in dieser Zeit drei weiche Topspin (Oberschnittbälle) spielst. Und zwar in seine Vorhandseite. Sollte dein Gegner die zurückspielen können, dann darfst du den nächsten Ball schmettern. Egal, ob der kommt oder nicht. Es geht mir nicht darum, Punkte zu holen, sondern ob du eine Taktik umsetzen kannst.“ „Drei Topspin“, wiederholte Jens. „Okay, ich werde es versuchen.“ Und der Versuch glückte. Jens spielte in den ersten vier Ballwechseln die geforderten drei Topspin und gewann jedes Mal den Punkt. „Gut so“, kommentierte ich. „Versuch noch mal drei.“ Bei 8:7 ging Jens zum ersten Mal in Führung und gewann dann Satz Nummer 3. Auch den vierten Satz entschied Jens klar für sich. Und mit jedem Punkt gewann er mehr Souveränität. Gegen Ende des Satzes hatte ich sogar den Eindruck, wieder leichte Überheblichkeit festzustellen. Also gab es eine erneute Ansprache für den fünften und letzten Satz: „Okay, Jens, auf der Vorhand hast du ihn im Griff. Mal sehen, ob du jetzt auch auf der Rückhand punkten kannst. Spiel bitte drei Topspin in seine Rückhand, davon einen fast ohne Schnitt. Wenn es klappt, prima. Wenn nicht, dann zurück zur alten Taktik.“ Jens spielte famos. Auch wenn ihm die Rückhandseite nicht so gut lag, nahm er die Herausforderung an und gewann 11:7. Wir jubelten und Jens sagte zu mir: „Ich hatte so einen Eisenarm in den ersten Sätzen.

 Als ich anfing die Bälle zu verschlagen, bekam ich plötzlich Angst, ich könne verlieren. Danke für die guten Tipps.“ „Gern geschehen“, erwiderte ich. „Vermutlich ist das die wichtigste Fähigkeit eines erfolgreichen Sportlers. Denk nie über gewinnen oder verlieren nach, sondern konzentriere dich auf das, was du gerade tust. Nicht das Gewinnen sollte dein Ziel sein, sondern möglichst gut Tischtennis zu spielen. Vergiss den Punktestand, dann hast du auch keine Angst mehr vor Fehlern.“ Was Jens an diesem Tag angefangen hatte zu lernen, das lernen Leistungssportler heute durch Mentaltrainer. Diese kämpfen gegen die Angst vor dem (öffentlichen!) Scheitern. Favoriten haben es immer schwerer als Underdogs, denn auf ihnen lasten hohe Erwartungen. Die erfolgreichsten Sportler sind nicht jene, auf denen die meisten Erwartungen liegen, sondern solche, die sich von diesen Erwartungen am besten frei machen können. Druck und Angst lähmen, die Konzentration auf die Herausforderung beflügelt. Wer es erlebt hat, dass man Versagensängste und hohe Erwartungen vergessen kann und plötzlich unter extremer Anspannung doch ganz bei der Sache ist, der wird daran stark. Nicht die Angst macht stark, sondern die Überwindung der Angst.

Ich hole mir Hilfe

Eine bewältigte Herausforderung macht stark, eine Überforderung schwach. Sich der Überforderung zu entziehen, ist eine gute Idee. Man darf sich eine neue Arbeitsstelle suchen, wenn man permanent überfordert ist. Dazu aber müsste ich mir eingestehen, dass ich es nicht schaffe. Schlimmer noch, ich müsste vor anderen zugeben, dass ich der Sache nicht gewachsen bin. Das aber fällt schwer, enorm schwer.

Eine Konfirmandin, nennen wir sie Klara, kam nach wenigen Wochen Konfirmandenunterricht zu mir. Sie wartete, bis alle anderen gegangen waren, und fragte dann etwas verlegen, ob sie die nächsten Wochen eine halbe Stunde vor Ende des Unterrichts nach Hause gehen dürfe. Ich erkundigte mich nach dem Grund für ihr Anliegen. „Wir haben Mittwoch immer eine Doppelstunde Mathe und ich bin so schlecht in dem Fach. Letzte Woche habe ich sogar eine Fünf geschrieben. Also muss ich jetzt dienstags viel üben.“ Ich sagte ihr, dass ich ihr Anliegen gut verstehe und mich freue, dass sie mir ihr Problem anvertraut hatte. Und dann überlegte ich, ob es noch eine andere Möglichkeit gäbe. „Hast du niemandem, mit dem du zusammen Mathe lernen kannst, vielleicht in deiner Klasse?“ „Meine beste Freundin ist ziemlich gut in Mathe“, bekam ich zu hören. „Willst du sie nicht mal um Hilfe bitten?“, ermutigte ich Klara. „Ich trau mich nicht. Was soll die denn von mir denken“, erklärte sie. „Na, dass du in Mathe Hilfe brauchst und sie die Richtige für diesen Freundschaftsdienst wäre. Das soll sie denken. Du kannst ja fragen, ob ihr gemeinsam die Hausaufgaben machen könnt. Ich glaube, sie wird dir helfen, ist doch schließlich deine Freundin.“ Klara ließ sich meinen Vorschlag durch den Kopf gehen und hatte zwei Wochen später den Mut aufgebracht, ihre Freundin mit dem Problem zu betrauen. Fortan lernten die beiden gemeinsam für Mathe und siehe da, am Ende des Jahres war Klara auf einer Drei.

In dieser Geschichte ist vieles gut gelaufen.

Erstens: Klara war sich der überfordernden Situation bewusst. Sie konnte das Problem klar benennen. Das mag bei Mathe einfach sein, ist häufig aber ein großes Problem. Was genau ist es, mit dem ich nicht zurechtkomme? Sind es wirklich die Bälle des Sportunterrichts, die mich treffen könnten, oder sind es die Menschen, die mich dann womöglich auslachen?

Zweitens: Klara hat die Initiative ergriffen, einen Ausweg zu finden. Ihr Weg war: „Ich muss mehr lernen, dafür brauche ich Zeit, die bekomme ich vom Pfarrer.“ Sie hätte sich auch ohnmächtig ihrem Schicksal ergeben können. „Mit der Fünf muss ich mich abfinden, ich bin halt zu blöd für Mathe.“ Das hätte ihrem Ego aber nicht gut getan. Wer überfordert ist, aber dagegen kämpft, der hat gute Chancen, einen Ausweg zu finden.

Drittens: Es war Klara spürbar unangenehm, ihre Überforderung zuzugeben, aber sie hat sich davon nicht besiegen lassen. Die Scham, zu versagen, das Gefühl, nicht mehr souverän zu sein, hält viele Menschen davon ab, gegen eine überfordernde Situation anzugehen. Scham ist ein extrem intensives Gefühl. Wir würden uns am liebsten verkriechen und im Erdboden versinken, um der Situation zu entrinnen. Diese Reaktion ist verständlich. Wer sich schämt, hat ein Bedürfnis nach Schutz. Weglaufen oder Verdrängen sind aber häufig die schlechteren Taktiken. Ich rechne es Klara hoch an, dass sie sich überwunden hat. Es gehört viel Mut dazu, eigene „Schwäche“ zu äußern. Warum schreibe ich Schwäche in Anführungszeichen? Weil das Problem vielleicht gar nicht die Schwäche der Person ist, sondern die schwierige Situation. Klara war ja objektiv in der Lage, den Stoff zu beherrschen, nur brauchte sie eben etwas mehr Unterstützung als andere. Wer überfordert ist, sieht gerne allein sein eigenes „Versagen“. Da kann es sehr hilfreich sein, sich bewusst zu machen, ob nicht in Wirklichkeit die Situation das Problem ist.

Viertens: Klara ist auf Menschen gestoßen, die Verständnis für sie hatten und die es gut mit ihr meinten. Sowohl ihre Freundin als auch ich haben sie ernst genommen und sie zugleich nicht alleine gelassen. Ich habe das mit meinem Nachdenken über eine andere Lösung des Problems getan (du brauchst nicht mehr Zeit, sondern jemanden, der mit dir lernt). Die Freundin hat es durch gemeinsames Lernen getan.

Fünftens: Die Unterstützung hat sie stark gemacht, nicht schwach. Die Freundin hätte auch anders „helfen“ können: „Komm, ich entlaste dich. Du darfst die Hausaufgaben sogar bei mir abschreiben und bei den Arbeiten neben mir sitzen und wieder abschreiben.“ Klara wäre so vielleicht sogar auf eine Zwei gekommen. Manchmal kann die Hilfe in der Art „Ich-tue-es-für-dich“ sinnvoll sein. Dann nämlich, wenn es zu lange dauern würde, den Menschen für eine Situation kompetent zu machen. Man darf getrost einen Sozialhilfeantrag für Menschen ausfüllen, die nicht schreiben können. Besser aber ist es, wenn man sie Lesen und Schreiben lehrt. Etwas stellvertretend für jemanden zu tun, birgt immer ein großes Risiko, nämlich: Der auf Hilfe Angewiesene bleibt der auf Hilfe Angewiesene. Klaras Fähigkeiten in Mathe wären geschrumpft, statt zu wachsen.

„Ich hole mir Hilfe“ habe ich diesen Teil überschrieben. Das ist etwas anderes als „mir wird geholfen“. Im ersten Fall bin ich aktiv, also in gewisser Weise immer noch stark. Im zweiten Fall bin ich passiv. Die Kompetenz, selbst für sich zu sorgen und das sogar in Krisensituationen, halte ich für eine besonders wichtige Fähigkeit. Und wenn ich dann tatsächlich mal jede Souveränität und Stärke verliere, treffe ich hoffentlich auf Menschen, die mich eine Wegstrecke tragen, mich dann aber wieder alleine gehen lassen. Echte Hilfe ist die Hilfe, die Menschen stark macht.

Ich habe keine Ahnung, ob Klara im Konfirmandenunterricht irgendetwas anderes gelernt hat. Wenn er sie aber darin bestärkt hat, sich in überfordernden Situationen Menschen zu suchen, die sie unterstützen und kompetent machen, dann hat sie eine Lektion fürs Leben gelernt.

Vom Glück des Ausprobierens

Lassen Sie mich zuerst ein Loblied auf meine Eltern singen. Ich hatte zum Glück Eltern, die nicht versucht haben, mich zu sehr zu behüten. Das wäre angesichts meiner Behinderung eine verständliche Reaktion gewesen. Aber da neben mir noch meine beiden Geschwister Aufmerksamkeit verlangten und auch sonst genügend Arbeit vorhanden war, wäre jeder Versuch, permanent auf mich aufzupassen, ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen. Aber ich will es positiv formuliert: Meine Eltern haben mich ausprobieren lassen. Beinahe alles. Selbst wenn es hätte gefährlich werden können. Sie hatten wohl das Vertrauen in mich und meine Spielkameraden, dass wir selbst in der Lage sein würden, einzuschätzen, was wir uns zutrauen könnten. Und da sie uns also diese Freiheit gewährten, haben wir tatsächlich gelernt, Verantwortung für uns zu übernehmen. Wir haben schlicht ständig ausprobiert, was ging und was nicht. 

Konkret wurde das zum Beispiel im Winter. Damals gab es erstens noch Schnee im Bergischen Land und zweitens kaum Autos. Das machte aus der alten Dorfstraße eine ideale Rennstrecke. Über annähernd 1,5 Kilometer führte diese von der Grundschule, die „Auf dem Höchsten“ lag, mit gleichbleibendem Gefälle und mehreren lang gestreckte Kurven bis in den Ort hinunter. Wer hochging, schaute, dass keine Autos von unten kamen. Viele Kinder fuhren sitzend oder auf dem Rücken liegend. Das war für mich eher unpraktikabel, da ich mich so nicht festhalten konnte. Ich musste dann ständig bremsen, weil ich bei höheren Geschwindigkeiten unsicher wurde. Also probierte ich es auf dem Bauch liegend. Da hatte ich den Schlitten voll unter Kontrolle. Ich musste nur ein bisschen Anlauf nehmen und mich auf den Schlitten werfen, sonst wäre der so schlecht in die Pötte gekommen. Mit den Fußspitzen oder nur mit einer Gewichtsverlagerung lenkend konnte ich dann beinahe ungebremst zu Tal rasen. In unserer Familie gab es einen Schlitten, den schon mein Opa gefahren hatte. Der war ziemlich kurz und daher schwer zu lenken, lief aber wie Schmidts Katze (dabei hatten wir gar keine Katze). Das war mein Lieblingsschlitten. Ich vermutete damals, meine Eltern könnten sich ernsthaft Sorgen um mich machen, wenn ich gefragt hätte, ob ich so Schlitten fahren darf. Also habe ich nicht gefragt, sondern bin gefahren. Kopf voran und ohne Fahrradhelm die Dorfstraße hinunter. Als ich ihnen dann am Abend stolz von meiner Topzeit erzählte, haben sie sich jedenfalls keine Sorgen anmerken lassen: „Das werden wir uns morgen mal anschauen“, kommentieren sie, und ich war stolz.

Apropos „Auf dem Höchsten“. Vielleicht dachten Sie bei meiner Schlittenabfahrt: „Das war aber gefährlich.“ Ich gebe Ihnen Recht. Das Leben war manchmal gefährlich. Als Junge hatte ich ein Fahrrad. Mit dem Prothesenbein konnte ich allerdings nicht trampeln und einbeinig zu fahren ist schwer. Also hatte das Fahrrad Stützräder und ein verlängertes Lenkrad. Die beste Gelegenheit, das Ding mal so richtig auszufahren, war der Schulhof der Grundschule „Auf dem Höchsten“. Mein Vater hatte mich dorthin begleitet und ich drehte emsig meine Runden und wurde immer schneller. Ich sah wohl, dass in einer Kurve ein Gullideckel etwas erhöht aus dem Asphalt stand. Aber wenn ich richtig schnell sein wollte, musste ich die Kurve eben schneiden. Mein Vater rief noch, ich solle nicht zu nah ran fahren, sah mich dann aber in der nächsten Runde nach einer leichten Berührung des rechten Stützrades mit dem Gullideckel elegant abheben. Hat das geblutet!

Spüren Sie den Impuls in sich, dass Sie sicher besser auf mich aufgepasst hätten? Ich kenne das Gefühl. Aber ich bin fest überzeugt, dass Menschen lernen müssen, was sie sich zutrauen können. Und das können sie nur durch Ausprobieren. Übrigens, mein Bruder hat sich bei einem Sturz den Unterarm gebrochen. Klar, wenn wir ihn hätten bewahren können, hätten wir es auch gemacht. Die Grenze des Ausprobierens ist da, wo Menschen sich tatsächlich selbst gefährden, weil sie noch nicht gelernt haben, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Chance des Ausprobierens liegt da, dass Menschen auf ungeahnte Ideen kommen, wenn sie die Freiheiten und äußere Anreize haben.

Oder wären Sie auf die Idee gekommen, mir das Schreibmaschinenschreiben beibringen zu wollen? Als mein Bruder in seiner Jugend einen Schreibmaschinenkurs besuchte, habe ich natürlich ausprobiert, ob ich das auch kann. Heute schreibe ich am Computer sicher dreimal so schnell wie Sie per Hand.

Ich trau dir was zu

Menschen werden stark, wenn sie sich selbst neue Herausforderungen suchen dürfen. Gleichwohl spielen Mitmenschen eine wichtige Rolle dabei. Das Zutrauen anderer Menschen kann uns stärken.

Bei einem Besuch im Kindergarten meiner Schildgener Gemeinde beobachtete ich Folgendes: Ein vierjähriger Junge stand unter einem Baum, in dessen Krone schon die älteren Kinder kletterten. Der unterste Ast war für ihn zwar erreichbar, aber der kleine Junge schien zu zweifeln, ob er einen Versuch wagen sollte. Eine Erzieherin sah die Szene und ging zu ihm: „Willst du auch klettern?“, fragte sie. Der Junge nickte zaghaft mit dem Kopf. „Na, dann fang doch an“, ermutigte die Erzieherin, „ich glaube, du schaffst das.“ Der Junge schüttelte seinen Kopf. „Wie wäre es, wenn ich meine Arme unter dich halte. Wenn du fällst, fange ich dich auf.“ Erst blickte er seine starke Freundin an, dann legte er seine Hände um den Ast. Mit aller Kraft schwang er seine Beine hoch. Die Arme der Erzieherin berührten nur leicht seinen Rücken. Sie half ihm nicht beim Klettern, aber sie verhalf ihm zu Sicherheit. Dann saß er auf dem untersten Ast des Baumes, grinste, streckte die Arme aus und ließ sich in die haltenden Hände der Erzieherin fallen.

Was gefällt mir an dieser Geschichte? Es ist der Wunsch des Jungen, der ihn klettern lässt. Kein Sportlehrer nötigt ihn die Kletterwand hinauf. Zur Rettung der Sportlehrer sei gesagt, ich hatte nie einen solchen, aber vor langer, langer Zeit soll es sie gegeben haben. Die Erzieherin erkennt den Respekt des Jungen vor der Aufgabe und versucht nicht, ihn groß zu reden. Im Sinne von „Du schaffst das schon. Ist gar nicht so schwer, wie es aussieht.“

Stark werden Menschen nicht, indem man ihnen Stärke einredet. Stark werden sie durch das Erleben der eigenen Stärke. Und genau das ermöglicht die Erzieherin hier. Sie sagt dem Jungen, dass sie es ihm zutraut, und bietet ihm zugleich ihre eigene Kraft zum Schutz an. Zutrauen ist etwas anderes als Einreden. Sie vertraut der Kraft des Jungen, aber sie lässt ihn nicht auf sich alleine gestellt probieren. Ich bin bei dir. Ich stärke dich.

Schulnoten

Damit bin ich bei dem vielleicht größten Problem von Schulnoten, welches nach meiner Erfahrung selbst vielen Lehrer/innen nicht bewusst ist. Schulnoten bringen Lehrer/innen und Schüler/innen in eine Zwickmühle.

Wieder ein kurzes Beispiel, um zu erklären, was ich meine. Ich hatte in Englisch ab der 7. Klasse stets eine Vier auf dem Zeugnis. Oft konnte ich dem Unterricht kaum folgen. Ich wollte aber auf keinen Fall auf die Fünf rutschen und habe ich mich daher stets bemüht, wenigstens meine Hausaufgaben ordentlich zu machen. Da ich die aber oft nicht konnte, habe ich meine Hausaufgaben vor dem Unterricht mit einem guten Schüler „abgeglichen“. Weil ich im Unterricht maximal zweimal dran genommen wurde, habe ich mir für zwei Sätze sogar die Erklärung mit abgeschrieben, für den Fall, dass meine Lehrerin nachfragt, warum ich diese und nicht eine andere Verbform gewählt habe. Wenn dann „meine“ beiden Sätze dran kamen, habe ich wie wild aufgezeigt, um nur ja drangenommen zu werden.

Vermutlich kommt Ihnen mein Verhalten bekannt vor. Was ich gemacht habe, war nichts anderes als der Versuch, meine Schwächen vor meiner Lehrerin zu verstecken. Durch Abschreiben der Hausaufgaben oder auch während der Klassenarbeiten wollte ich meine Leistungen in ein besseres Licht rücken. Und meine Lehrerin hat natürlich versucht, das zu verhindern. Manchmal hat sie einfach jemanden drangenommen, der gar nicht aufgezeigt hatte. Und wenn dieser jemand ich war, dann fühlte ich mich immer schlecht. Rumgedruckst habe ich, den Blick starr auf mein Heft gerichtet und so getan, als fiele mir die Lösung im nächsten Moment ein. Am schlimmsten war, wenn meine Lehrerin mich erwischt hat. Natürlich hat sie mich oft genug aufgefordert, zu sagen, was ich nicht verstehe. Aber darauf bin ich nicht reingefallen. Schließlich gab sie mir am Ende des Quartals eine Note für meine nicht vorhandenen Leistungen. Wer Angst vor einer drohenden Negativbewertung hat, der versteckt seine Defizite. Wie ich im Sommer immer meine Beinprothese unter einer langen Hose versteckt habe, um verächtlichen oder mitleidigen Blicken zu entgehen, so habe ich im Englischunterricht meine Unfähigkeit durch Abschreiben und Abtauchen versteckt, um der Fünf zu entgehen.

Heute weiß ich freilich, dass ich mich damit um die Chance gebracht habe, meine Schwächen abzubauen. Hätte ich mal klar gesagt, was ich nicht verstehe, meine Lehrerin hätte mir vermutlich helfen können. Aber war wirklich ich derjenige, der mich um die Chancen gebracht hat? Oder war es vielmehr die Schulnote? Lehrer/innen sollen Lernhelfer für Schüler/innen sein. Dazu ist es unbedingt wichtig, dass sich die Lernenden mit ihren Stärken und Schwächen ihnen anvertrauen. Genau das aber verhindern Noten oft. Durch die permanenten Bewertungen werden Lehrer/innen gefährlich für die Schüler/innen. Sie können mich sitzenlassen. Aus Verbündeten werden Gegner. Das ist der Grund, warum im Leistungssport strikt die Trennung von Heimtrainer und Bundestrainer eingehalten wird. Der Bundestrainer ist für Nominierungen verantwortlich. Wenn der in der Halle ist, präsentiere ich mich von der besten Seite. Und natürlich behaupte ich, mehr denn je zu trainieren, wenn meine Nominierung zur EM fraglich ist. Meiner Heimtrainerin kommt eine ganz andere Rolle zu. Der muss ich nichts vormachen. Im Gegenteil. Zuweilen stellt sie eine Videokamera neben meinen Trainingstisch und sucht förmlich nach meinen Schwächen. Und bei ihr ist das gar nicht schlimm für mich. Ich bin mir nämlich absolut sicher, sie meint es gut mit mir. Das Material wird nicht gegen mich, sondern für mich verwendet. Ich gewähre ihr uneingeschränkte Einsicht in meine Stärken und Schwächen und gewinne damit die Chance, an beidem zu arbeiten.

Eine Mathematiklehrerin erzählte mir von einem Grundkurs im zweiten Halbjahr der Stufe 12. Viele hatten ernste Schwierigkeiten mitzuhalten und die nächste Klausur rückte näher. Zweieinhalb Wochen vor der Klausur ergriff sie eine ungewöhnliche, aber sinnvolle Maßnahme. Sie hielt eine Rede, die ich hier sinngemäß und verkürzt wiedergebe: „Ihr Lieben, die Klausur rückt näher und ich glaube, viele von euch stehen auf der Kippe. Ich möchte aber, dass ihr alle die Klausur besteht und später das Abitur schafft. Wegen Mathe soll niemand durchfallen. Ab sofort gibt es keinen neuen Stoff für die Klausur mehr. Übermorgen schreiben wir eine Testklausur, für die es keine Noten gibt. Sie dient alleine dazu, damit ihr und ich herausfinden, was wir noch üben müssen. Und dafür bilden wir dann Lerngruppen. Was immer ihr von mir braucht, werdet ihr bekommen.“ Eine Schülerin hatte zu einer Klausuraufgabe angemerkt: „So müsste es eigentlich richtig sein. Bin mir aber nicht sicher und möchte das noch üben.“ Die Lehrerin hatte sich zu einer bedingungslos Verbündeten gemacht.

 

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