Leseproben "Lieber Arm ab als Arm dran"

Folgende Lesenproben sind aus meinem Buch "Lieber Arm ab als arm dran".

Viel Spaß beim Lesen.

Ein Schlüsselerlebnis

Es gibt Momente im Leben, in denen sich Grundlegendes entscheidet. Erst Jahre später wurde mir klar, was da eigentlich passiert ist, damals, dort im Schwimmbad.

Ich bin 14 Jahre alt. Mit meinem Bruder und der Familie meines Onkels fahre ich zum ersten Mal in meinem Leben ohne Eltern in den Urlaub: Zwei Wochen Familienfreizeit. Auszüge:

Am dritten Tag wird es heiß, richtig heiß, Hochsommer, 30 Grad und mehr. Selbstverständlich kommt der Jugendbetreuer auf die Idee schwimmen zu gehen. „So ein Mist“, denke ich. Alle anderen finden es riesig - ich nicht. Was mache ich denn jetzt? Eigentlich gehe ich ja gerne schwimmen, dann, wenn mich alle kennen: Meine Familie, meine Schulklasse (da sind ja eh alle behindert, da falle ich nicht auf) oder die Freunde aus dem Dorf. Denen ist meine Behinderung egal. Niemand beachtet mein kurzes Bein. Aber hier? Schwimmen? Mich im Freibad ausziehen, meine Prothese entblößen und dann womöglich mit dem kurzen rechten Bein über die Wiese humpeln? Nein, auf keinen Fall! Ich stelle mich nicht zur Schau. Ich lasse mich nicht von allen angaffen! Da bleibe ich lieber allein auf dem Freizeitgelände.

Leider ist der nächste Tag ebenso heiß wie der vorherige. Wieder wollen alle ins Freibad. Und diesmal lässt sich Edgar nicht davon abhalten mitzugehen. „Komm schon mit. Wir können uns doch ganz nah ans Becken setzen, dann ziehst du dich aus, läufst drei Meter, springst rein und schwimmst so lange du kannst. Wenn du wieder raus kommst, ziehen wir uns an und gehen.“ Ich willige zögernd ein. Wenn es nun die ganze Woche so heiß bleibt, ich kann doch nicht immer den ganzen Nachmittag alleine bleiben.

Also gehen wir hinter den anderen her. „Oh Mann, hoffentlich geht das gut“. Als ich das Becken sehe, bin ich wie vom Blitz getroffen. Was heißt hier das Becken "sehen". Ich kann's leider nicht sehen. Es ist komplett umgeben von einer hohen Hecke. Nur an drei Stellen gibt es Eingänge. Von wegen drei Meter und rein springen. Das sind mindestens 20 Meter zu Fuß. Was mache ich denn jetzt? Umdrehen! „Ich habe was vergessen“, werde ich sagen, „meine Badehose.“ Und wenn einer zwei dabei hat, oder eine Turnhose? Da winkt schon einer, ruft uns herüber. „Da seid ihr ja endlich, los zieht euch aus, wir gehen schon mal schwimmen.“ Kann ich jetzt noch raus gehen, ohne mein Gesicht zu verlieren? Was soll ich am Abend erzählen? Meine Ausrede, keine Lust zu haben, ist auf jeden Fall dahin. Also, Augen zu und durch. Ich ziehe mich mit der Hilfe von Edgar aus und laufe, so schnell ich ohne Prothese kann, zum Wasser. Alle sind schon drin und niemand sieht, wie ich rein springe. Glück gehabt! So ist schwimmen echt Klasse. Ich liebe es. Nach fast einer Stunde kann ich nicht mehr. Die anderen haben längst eine Pause eingelegt. Die meisten sind bei ihren Handtüchern. „Also los“, denke ich, vermutlich haben sowieso schon viele gemerkt, dass mein rechtes Bein kürzer ist. Ich werde einfach auf den Boden sehen, dann merke ich nicht, ob ich angesehen werde. Ich setze mich, ziehe mir ein Handtuch über die Schultern und lege ein anderes auf die Beine. Niemand sagt etwas.

Abends spricht mich ein Mädchen an: „Dass du einfach so ins Freibad gehst, ich hätte mich das nicht getraut. Du bist ganz schön mutig. Hattest du keine Angst, dass dich jemand auslacht?“ „Klar, hatte ich, aber was hätte ich denn machen sollen? Wenn es jetzt noch zehn Tage so warm ist, dann kann ich doch nicht immer alleine auf dem Freizeitgelände bleiben.“ „Ich freue mich, dass du mitgekommen bist. Ich finde, du bist nett“, verabschiedet sie sich von mir.

Die Freizeit ist 1 a. Vieles kann ich mitmachen, und wenn ich etwas nicht schaffe, bin ich trotzdem dabei.

Tischtennis – Eine besondere Karriere

Lassen Sie mich ein wenig von meinem Sport erzählen. Mir liegt daran, dass sie beim Lesen entdecken, welche Rolle meine körperlichen Besonderheiten für den Sport, bzw. der Sport für mein Lebensgefühl gespielt hat und spielt.

Ich war 12 Jahre alt. Im Sommer 1977 fuhr unsere Familie nach Österreich in das kleine Dorf Tamsweg. Meine Eltern wandern gerne, ich nicht. Ich glaube das Dorf war noch kleiner als unser eigenes. Kein Spielplatz, kein Fußballplatz, nichts. Aber eine Tischtennisplatte, draußen, jederzeit bespielbar. Mein Bruder und die anderen des Dorfes spielten gerne. Ich habe es auch probiert. Den Schläger mit beiden Armen festgehalten und dann geschlagen. Selten kam ein Ball auf der anderen Seite an. Und nach ein paar Bällen hatte ich kaum mehr die Kraft, den Schläger zu halten. Meine Arme waren einfach zu kurz. Also gab ich auf. Fortan habe ich gezählt, wenn die anderen spielten. Eines Tages sah ein Urlaubsgast aus unserer Pension zu, Herr Lutz. Er sprach mich an: "Willst du nicht auch mitspielen?" "Doch, das würde ich gerne. Ich hab´s auch schon ausprobiert, aber ich kann den Schläger nicht festhalten." Er grübelte nach. "Ich werde mir was einfallen lassen", versprach er. Am nächsten Tag kam er wieder zur Tischtennisplatte. Er hatte Schaumstoff dabei und Schnüre. Eine erste Lage Schaumstoff legte er um meinen Arm, dann kam der Schläger und dann noch einmal Schaumstoff. Das alles band er mit den Schnüren fest. Die Kinder ließen mich ausprobieren. Der Schläger wackelte zwar ein wenig, aber nun kam ich viel besser an die Bälle und konnte richtig mitspielen. Er hat dann noch ganz schön lange getüftelt bis der Schläger so gut saß, dass die Schnüre sich nicht mehr in meinen Arm bohrten und bis nicht immer die Konstruktion auseinander fiel, wenn ich den Schläger ablegte. Fortan war ich begeisterter Tischtennisspieler (auch, wenn ich immer verlor).

1992 fuhr ich nach Barcelona zu den Paralympics. Der Finaltag kam. Ich war nervös. Der Hallensprecher kündigte das Endspiel der Startklasse 6 an, das letzte des Tages. Begleitet von Musik zogen wir hinter einem Offiziellen in die Halle ein. 12.000 Menschen applaudierten. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. "Two minutes", sagte der Schiedsrichter und gab damit das Einspielen frei. Ich gewann die Wahl und wollte als erster aufschlagen. Langer Seitschnittball weit in die Ecke seiner Vorhand. Brian war völlig überrascht durch den unorthodoxen Aufschlag. Er machte eine kurze Bewegung und sah dann, dass er den Ball nicht mehr kriegen würde. 1:0. Ich spielte die gleiche Angabe, in der Hoffnung, er habe den Oberschnitt nicht bemerkt. Brian zog den Ball voll durch, aber er ging weit über den Tisch hinaus. 2:0. Nun mit Unterschnitt, dachte ich. Diesmal wählte Brian einen Abwehrball. Sofort zog ich nach und versenkte den Ball in der tiefen Rückhand. 3:0. Brian schwitzte - ich hoffte vor Angst. Der erste Satz ging so schnell zu Ende, dass es ihm wie ein böser Traum vorkommen musste.

Anfangs des zweiten Satzes war das Spiel völlig offen. Ich witterte meine Chance und riskierte alles. Wieder konnte ich einen leichten Vorsprung rausarbeiten. Längst hörte ich den Applaus der 12.000 nur noch im Hintergrund. Meine Teamkollegen schrieen sich die Lunge aus dem Hals. Und doch konnte ich in diesem Lärm die Stimme meines Trainers gut verstehen. "überrasche ihn mal mit einem kurzen überschnittaufschlag!" Ich lebte in einem Tunnel. Vor mir der Tisch, mit Brian auf der anderen Seite. Hinter mir der Coach mit seinen ruhigen und klaren Anweisungen. Gegen Ende des Satzes holte Brian auf. Immer näher kam er heran. Vermutlich hat mein Team längst gezittert, ich möge diesen zweiten Satz nach Hause bringen. Im dritten könnte ich womöglich keine Chance mehr haben. Ich dachte nur an den kleinen Ball und feuerte mich an: "Spiel weiter, los, greif ihn an." 20:19, Matchball. Der Beifall verebbt. Ruhig liegt der Ball auf meinem Schläger. "Spiel einen schnellen Aufschlag, viel Seitenschnitt, genau auf seinen Spielarm. überrasche ihn!", denke ich. Ich sehe den Punkt vor mir, dort muss der Ball hin. Brian reagiert gut. Nimmt die Rückhand: Noppen, kontert den Ball. Ich weiß, dass ich nicht kontern darf, also schaffe ich den Schritt zurück, schneller Topspin in seine tiefe Rückhand. Er kann den Ball nur mit wenig Tempo zurückheben. Meine Chance. Ich ziehe den Ball voll durch, tiefe Vorhand. Kurz vor dem Boden ist er da: Abwehrball, aber viel zu kurz. Mit dem ganzen Körper werfe ich mich in den Schmetterball. Der Ball schießt an ihm vorbei und klatscht gegen die Bande. Ich reiße die Arme empor und im selben Augenblick umhüllt mich das Tosen von 12.000 jubelnden Zuschauern. Erst jetzt sehe ich sie wieder: Meine Teamkollegen, die fast heiser sind, meinen Coach, dessen Taktik so erfolgreich aufging und die vielen Zuschauer, die mich in ihr Herz geschlossen haben. Alle laufen sie auf mich zu. Ich ertrinke in ausgestreckten Händen.

Blitzlichter blenden mich. Ein Augenblick größten Glücks.

Ob ich während des Spiels an meine Behinderung gedacht habe? Kein Gedanke! Ob ich mir gewünscht habe, mit Armen bei der Olympiade zu spielen? Keine Spur! Ich habe Tischtennis gespielt, nur Tischtennis - sonst nichts. Ich stehe nicht als Behinderter am Tisch, sondern als Athlet. Mein Traum war in Erfüllung gegangen. Die letzten Tage und Nächte in Barcelona haben wir durchgefeiert.

Heil und Heilung

Es gibt Menschen, die Gottes Existenz ablehnen mit der Begründung, wenn es Gott gäbe, dann müsste die Welt anders aussehen. Wie kann Gott Leid und Krankheit, Behinderungen und Einschränkungen zulassen?

Vor einigen Jahren hat mich eine Dame angerufen und mir den Namen eines Wunderheilers in Südamerika genannt. „Der kann sogar ihre Arme nachwachsen lassen“, sagte sie mir. „Ich werde nicht nach Südamerika reisen“, erwiderte ich und begründete: „Ich glaube nicht, dass Gott ein großes Interesse hat, mir Arme wachsen zu lassen. Es ist für Gott nicht so wichtig, ob ich unversehrt bin oder nicht. Und außerdem leide ich nicht so sehr unter meiner Behinderung, als dass ich dafür nach Südamerika reisen würde.“ Sie war enttäuscht von mir zu hören, dass ich nicht an solche Wunder glaube. „Aber sie sind doch Pfarrer, sie werden doch wohl glauben, dass Jesus tatsächlich Wunderheilungen vollbracht hat?“, war ihre Meinung dazu.

Manche Menschen machen Gottes Wirklichkeit an ihrem Wohlbefinden fest. Ein Leben ohne Behinderung und Krankheit, ein Leben in Gesundheit und Wohlbefinden, das passt gut mit Gott zusammen; das ist mit unserer Vorstellung von Gott gut zu vereinbaren. Wenn Gott uns liebt, dann will er doch wohl nur das Beste für uns. Aber ist Gesundheit und Unversehrtheit wirklich Gottes zentrales Anliegen für uns? Würde Gott ebenso wie wir "Hauptsache gesund" sagen? Ist es Gottes Wille, dass wir ein Leben möglichst ohne Schmerzen und Krankheiten, ohne Behinderungen und Einschränkungen führen?

Wie sie aus meinen Formulierungen schon heraus hören, werde ich diese Fragen mit „nein“ beantworten.

Mein Traum

Ich träume von einer Welt, in der ...

... alle wissen, dass Menschen zugleich begrenzt und begabt sind. Da wäre niemand unnormal, weil keiner normal wäre.
... die Besonderheit eines Menschen nicht zum Anlass genommen wird, diesen auszulachen, auszugrenzen oder abzuwerten. Da müsste niemand vor seinen eigenen Grenzen weglaufen und niemand hätte es nötig, seine Grenze voller Scham und Angst zu verbergen. Da verlören die Grenzen ihren Schrecken, ja ihre Bedeutung.
... wir unsere festgefahrenen Bilder über Behinderte, Ausländer, Frauen, ... aufgeben, weil niemand diesen Bildern entspricht.
... die Menschen lernen, ihre verrückbaren Grenzen zu erweitern, ihre unverrückbaren Grenzen zu akzeptieren und beides voneinander zu unterscheiden. Da würden die Menschen dankbar sein für die vielen Möglichkeiten des Lebens. Und sie würden die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren nicht mehr spüren.

... Menschen mit besonders engen Grenzen, Hilfsmittel und Hilfsmenschen haben, damit sie am Leben teilhaben können. Wer nicht mitmachen kann, ist dennoch dabei.

... Helfende und Hilfe suchende einander wie Partner behandeln. Da müsste sich niemand mehr klein fühlen, wenn er um Hilfe zu bittet.

... der Mensch wichtiger ist als seine Leistung. Da würde niemand am Leben verzweifeln müssen, weil er zu nichts mehr nütze ist. Da würde kein Leben verhindert werden, weil es nur eine Last wäre. 

... das Wesen eines Menschen wichtiger ist als sein Körper. Da würde das Funkeln in den Augen eines Menschen mehr beeindrucken als makellose Schönheit. 
... sich Menschen an ihren Gaben freuen, ohne es nötig zu haben sich über den weniger begabten zu erheben. Welche Gabe haben wir uns schon selbst zu verdanken.

... jeder Mensch als Bereicherung verstanden wird, nicht als Schaden. Da wäre jeder gewiss, meine Würde wird auch dann geachtet, wenn ich nicht mehr für sie einstehen kann.  

... der die Gesellschaft an den Menschen angepasst wird und nicht der Mensch in die Gesellschaft passen muss. Da würden werdende Eltern die Angst vor der Überforderung verlieren, denn sie würden mit der Last ihrer Kinder nicht alleingelassen. Da wäre gesundes und starkes Leben wünschenswert, aber anfälliges und bedürftiges Leben keine Katastrophe mehr.

... wir nicht immer mehr Geld für die Medizin und immer weniger für die Pflege ausgeben. Gerade am Ende des Lebens gilt nicht mehr „Hauptsache gesund“, sondern „Hauptsache begleitet“.

 

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